Die Kleingeldomi an der Supermarktkasse

Es gibt Tage, an denen scheinen alle Menschen, die mir begegnen irgendwie … liebenswert. Und das meine ich, wie es die Bedeutung, die Semantik des Wortes meint. Sie sind es wert, geliebt zu werden. Die alte Frau, die vor mir an der Kasse ihr viel zu großes Portemonnaie nach neunundachtzig Cent durchforstet, sieht meiner Oma sehr ähnlich. Früher hatte sie sicherlich wunderschöne lange blonde Haare, heute sind sie grau, ja fast weiß. Sie wirkt so ruhig, ausgeglichen, nichts kann Sie aufregen. Ich wäre auch gern mal so ruhig. Nicht den Atem des nächsten Kunden im Nacken spüren. Irgendwo hattest du doch noch vier Cent, verdammt nochmal. Warum geht das Kleingeldfach eigentlich nie auf, wenn es mal schnell gehen soll. Sind meine Finger eigentlich gerade größer als sonst? Oder dicker? Sie bewegen sich scheinbar unkoordiniert zwischen den Fünf- und Zehncentstücken. Ich schaffe es dann irgendwann, brauche aber gefühlt mindestens genauso lange, wie die Omi vor mir an der Kasse.

Wie schafft man es eigentlich so gelassen zu sein. Weisheit? Erfahrung? Ich denke die ältere Frau vor mir hat schon so viele Herausforderungen in ihrem Leben gemeistert, dass sie diese, ja unter uns gesagt ziemlich banale Alltagssituation, bei der mein Cortisolspiegel ein Vielfaches des Normalwerts beträgt, gar nicht als „bemerkenswert“ beachtet. Wie schaffe ich es nun zumindest einen Teil der sozialen Intelligenz dieser erfahrenen Frau für mich zu gewinnen?

Es ist Mittag, ich habe es eilig. Zwischen Arbeit und Kindern noch schnell den Einkauf erledigen. Die Kinder abholen, dann Abendessen und dann ist selbstverständlich noch Arbeit liegen geblieben, die es zu erledigen gilt. Den Haushalt habe ich dabei noch gar nicht bedacht. Am nächsten Morgen geht es dann halb sechs wieder los. Warum nervt es mich eigentlich gerade nicht, dass ich wieder mal an der falschen Kasse stehe. Jedes Mal stehe ich an der falschen Kasse, dafür habe ich ein Händchen.

Ich beobachte also die ältere Dame vor mir, sie fühlt die Münzen, um deren Wert zu wissen, vielleicht sind ihre Augen auch schon 80 Jahre alt? Wie oft sie wohl schon einkaufen war, sie kannte vielleicht noch die Verkäuferin, die die letzten 10 Jahre hier bedient hatte. Und vielleicht wusste sie auch noch dass hier ursprünglich mal eine alte Fabrik stand, ja vielleicht hat sie sogar in dieser gearbeitet? Bevor ich überhaupt daran denken konnte, was die ältere Dame in ihrem Leben schon alles so erlebt haben könnte, war ich an der Reihe. Ich suchte meine Geldbörse. Habe ich eigentlich Geld abgehoben? Ich muss mit der Karte bezahlen. Habe ich eine Tasche mit, oder muss ich eine Plastetüte für 10 Cent erwerben? Ich packe meine Sachen hektisch in die Tüte, die hoffentlich der Last widersteht und befinde mich dabei immer im Wettbewerb mit der Kassiererin und gerade wenn ich annehme ihrem Scantempo folgen zu können, legt sie noch eine Schippe drauf. Ich bereite mein Portemonnaie vor, finde zum Glück meine Karte sofort und auch das Kartenlesegerät ist mir wohlgesonnen und genehmigt den PIN schon nach der ersten Eingabe. Und obwohl alles geklappt hat, war ich nicht annähernd so entspannt wie die ältere Dame.

Aber Moment, …, nein das kann nicht sein, sie sah aus wie meine Klassenlehrerin aus der Grundschule. Ich kann mich kaum noch erinnern, aber sie hätte es gewesen sein können. Ich sehe Sie noch am Ende der Straße, wie sie mit ein bisschen zu wenig Stolz und Würde, ihren Stoffbeutel nach Hause trägt.

Und immer wenn ich dieses Alle-Menschen-sind-liebenswert-Gefühl habe, dann schaffe ich es schon fast wie die ältere Dame, in vielen Situationen gelassen und entspannt zu sein. Ich weiß nicht genau, was dieses Gefühl oder besser diesen veränderten Fokus der Wahrnehmung verursacht. Wenn aber alle Menschen nur einige Male dieses Phänomen erleben würden, dann machte es die Welt für die Menschheit besser. Es gäbe weniger Hektik und mehr Entspannung, weniger genervte Menschen, dafür viele Glücklichere, weniger vorschnelle Urteile, sondern mehr Anteilnahme und Achtung, mehr zufriedenere Väter, Geschäftsleute, Postboten, Kunden und Verkäuferinnen.

Ich fahre zur Kita und hole meine Kinder. Wir bereiten das Abendessen und ich schaffe wie jedes Mal den Haushalt und meine liegengebliebene Arbeit. Nur gut, dass ich auch die fünf Minuten beim Warten an der Kasse, entspannt geblieben bin, denn ändern hätte ich sowieso nichts können und interessanterweise habe ich an diesem Nachmittag noch besonders viele „liebenswerte“ Menschen gesehen.

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