Heute Vormittag ist es mir wieder gelungen und ich war erstaunt, wie plötzlich dieses Gefühl herbeischlich ohne sich anzukündigen. Wie jeden Montag musste ich viel zu früh aufstehen. Eigentlich nimmt man an, dass man nach einem Wochenende erholter ist als davor. Nun ist das Wochenende aber oft der einzige Zeitraum in dem man mal etwas Besonderes und Interessantes unternehmen kann, so dass ich noch einen Ruhetag hätte gebrauchen können.
Nach dem Aufstehen schleppte ich mich, ein wenig zu unmotiviert zur Arbeit, und schon bevor es richtig losging, wurde es besser. Ja, meine Arbeit schafft es oft meinen Seelenzustand positiv zu beeinflussen, oder besser, diejenigen mit denen ich arbeiten darf, sorgen dafür. Ich glaube übrigens, dass genau das der Sinn von Arbeit sein sollte, letztendlich Zufriedenheit zu stiften. Nicht in jeder Sekunde und jeder Minute des Arbeitens, aber nach einiger Anstrengung und ein wenig Engagement sollte es Phasen der Zufriedenheit geben.
Aber das ist noch nicht das Glücksgefühl welches sich an diesem Morgen bei mir einstellte. Nachdem ich zu einer anderen Dienststelle fahren musste, durchradelte ich einen Wald. Wald – für mich ist das Wohlbefinden, Ausgleich, Leben und Duft. Leider vergesse ich dies viel zu oft. Mein Gehirn konstruiert Wald oft nur als unebene, durchwurzelte Schotterwege, die das Radfahren sehr anstrengend machen und eine nichtlineare, deutlich längere Verbindung von zwei Punkten darstellt als eine asphaltierte Straße. An diesem Morgen musste ich wieder durch den Wald fahren und ein umgefallener Baum zwang mich zum Absteigen.
Beim Absteigen spürte ich den durchnässten schlammigen Boden unter meinen Füßen. Ich musste den Weg verlassen und schob mein Rad vorbei an Buschwindröschen, Aronstab und Lungenkraut. Ich versuchte ihnen auszuweichen und dabei entdeckte ich noch viele Pflanzenarten mehr. Ich kam wieder auf diesen verschlammten, nassen, langsamen Waldweg und anstatt wieder aufzusteigen, schob ich mein Gefährt. Da entdeckte ich einen Buntspecht an einem viel zu dünnen Spitzahorn, hörte den Buchfink singen und sah im Augenwinkel eine Maus in ihr Loch flüchten. Plötzlich roch ich Wald, Flieder, Regen, nasse Erde. Der Boden fühlte sich weich an. Ich schien fast zu schweben und nur das „Plitschplatsch“ meiner Schuhe erinnerte mich daran, dass ich gerade laufe. Die Sonne schaffte es nur hier und da durch das immer dichter werdende Blätterwerk der Bäume zu scheinen. Und da war es, nein da ist es, dieses Glücksgefühl, überall nur Wald, mit allen Sinnen nur Wald wahrzunehmen. Ich rieche, atme tief, tiefer. Der Geruch erinnert mich und ich kann nicht sagen woran. Aber es fühlt sich unheimlich gut an, ich will mehr von diesem Moment. Vielleicht erinnert es mich an vergangenes Glückserleben in einer ähnlichen Situation. Nach einigen Sekunden sind die Hormone, die diese Emotionen verursacht haben aufgebraucht und dennoch bleibt in den nächsten Minuten, ja vielleicht sogar Stunden eine erhöhte Lebenszufriedenheit.
Ich denke mir dann immer, wenn dieses Gefühl so schön ist, warum sorgst du nicht öfter dafür, dass ich es erleben darf. Es kostet nichts. Eigentlich muss ich nur meine Sinne sensibilisieren und zulassen, dass deren Informationen in mein Bewusstsein dringen. Heute hat mir der umgefallene Baum dieses Glücksgefühl beschert. Dieser hat letztlich meine Reisegeschwindigkeit reduziert und meinem Gehirn die Möglichkeit gegeben all diese Sinneseindrücke zu verarbeiten. Entschleunigung ist des Rätsels Geheimnis.
Vielleicht wäre das Gefühl ja gar nicht so besonders, wenn ich öfter in dessen Genuss käme. Vermutlich ist es genau dieser Kontrast, der für eine erhöhte Sensibilität notwendig ist. Wenn man viel gearbeitet hat, dann ist die darauf folgende Erholung auch viel intensiver. Und wenn ich lange nichts gegessen habe, schmeckt es anschließend auch besser.
Das Wichtigste ist nur, den umgefallenen Baum nicht eilig und überhastet zu überspringen, sondern ihn entspannt zu umgehen.