Geruchsmoleküle

Es ist dunkel. Immer noch dunkel. Langsam müsste es heller werden. Wie spät ist es? Ich weiß es nicht und eigentlich ist das jetzt gerade auch nebensächlich, denn es interessiert mich nicht. Scheinbar habe ich nur ein Ziel. Ich bewege mich viel zu viel, müsste gerade deutlich ruhiger sein. Vermutlich wirkt sich das elementar auf meinen Schlafpuls und meine Schlafqualität aus, die ich heute gar nicht aufzeichnen kann, da ich meinen Tracker gar nicht an der linken Hand trage. Ich wandere förmlich, ich schlage mich von links nach rechts und dann wieder von rechts nach links, und ich weiß nicht, wie oft sich dieses Muster in den letzten vier Stunden schon wiederholt hat. Zwanzig mal, oder mehr. Es ist immer noch dunkel und meine Umgebung immer noch viel zu ruhig. Ich frage mich zum ersten Mal diese Nacht, träume ich alles nur? Bin ich wach? Wo bin ich?

Ich bin auf der Suche, soviel steht fest. Der ganze Aufwand, diese übermäßige Aktivität, ich suche etwas. Nur im Traum? Ich weiß, dass Du nicht da bist. Ich weiß, dass du nicht da sein kannst, also doch ein Traum? Immer noch dunkel, immer noch diese friedliche Stille. Dann plötzlich, nach zwei weiteren Schlägen, Wälzen links, Wälzen rechts, wird es unheimlich vertraut. Ich möchte mich nicht mehr bewegen, in diesem Moment für immer verharren, die Zeit anhalten. Was ist das, ich fühle – meine Gedanken sind plötzlich vor zwei Tagen, ich weiß nicht, ob ich träume oder wach bin. Ich liege da, mein Gesicht sehr tief in das Kopfkissen gedrückt. Das Atmen fällt mir einerseits unglaublich  schwer, ich bekomme kaum noch Luft, mir gelingt es gerade, die Luft durch die vielen Textilschichten meines Kissens zu ziehen, aber es fühlt sich so gut an. Es wäre einer der schönsten Momente von dieser Welt zu gehen, wenn es mir irgendwann nicht mehr gelänge, die Luft einzusaugen. Es sind drei, vier wirklich tiefe Atemzüge und dann weiß ich plötzlich wieder, wonach ich auf der Suche war. Es ist dieses unbeschreibliche Gefühl, eine Mischung aus Sehnsucht, Leidenschaft, nächster Nähe, … nein, es verschwindet. Mein Körper vollzieht wahre Tänze, die Hände scheinbar auf der Suche nach dir streifen Zentimeter für Zentimeter sehr aufmerksam das Laken ab, wohlwissend, dass ich allein in meinem Bett liege. Manchmal scheinen meine Finger etwas gefunden zu haben, dann fühlt es sich fast so an, als könnten sie kleinste Nanopartikel von dir spüren. Meine Beine durchstreifen mehrmals die Flächen der Matratze auf der Suche einen kleinen Teil von dir einzuklemmen, festzuhalten, nie mehr loszulassen. Aber mein Körper scheint sich zu erinnern, dass du hier warst. Ich streiche das gesamte Bettlaken ab, irgendwie die Hoffnung in mir tragend, dich so noch mehr bei mir zu fühlen. Ich hebe den Kopf aus meinem Kissen, denn du scheinst zu verschwinden. Ich stecke meine Nase nochmal tief hinein und mich durchströmt der wohlige Schauer der … Liebe, oh nein, der nicht, … das hatten wir vereinbart … ein wohliger Schauer der Sehnsucht nach dir. Da sehe ich dich auf einmal, in voller Pracht, deinen makellosen Körper, dein verzauberndes Gesicht, ich höre dich, spüre deine Hingabe, und all das obwohl ich dich nur gerochen habe. Die nächsten Sekunden sind so überwältigend, dass ich mir das Rezept für diesen Hormoncocktail am liebsten ausdrucken möchte, das wäre definitiv ein Kassenschlager für mich und der größte Glücksmoment für die ganze Menschheit.

Es ist immer noch dunkel, eine Stunde später als vor 60 Minuten und ich weiß jetzt, dass ich eigentlich nicht schlafen kann. Ich schlage mich von links nach rechts und wieder zurück und ab und zu finde ich sie, deine Geruchsmoleküle. Welch beeindruckendes Sinnesorgan meine Nase, plus Gehirn versteht sich, kann mich innerhalb kürzester Zeit zu dir beamen. Und am meisten Angst bereitet mir die Zeit, denn die Entropie wird dafür sorgen, dass es für mich immer schwerer wird dich hier bei mir zu konservieren. Gerade denke ich an Jean Baptiste Grenouille, das macht mir auch ein bisschen Angst. Jetzt aber begebe ich mich wieder auf die Suche nach dir.

Glück im Wald – Wohlbefinden Ausgleich Leben Duft

Heute Vormittag ist es mir wieder gelungen und ich war erstaunt, wie plötzlich dieses Gefühl  herbeischlich ohne sich anzukündigen. Wie jeden Montag musste ich viel zu früh aufstehen. Eigentlich nimmt man an, dass man nach einem Wochenende erholter ist als davor. Nun ist das Wochenende aber oft der einzige Zeitraum in dem man mal etwas Besonderes und Interessantes unternehmen kann, so dass ich noch einen Ruhetag hätte gebrauchen können.

Nach dem Aufstehen schleppte ich mich, ein wenig zu unmotiviert zur Arbeit, und schon bevor es richtig losging, wurde es besser. Ja, meine Arbeit schafft es oft meinen Seelenzustand positiv zu beeinflussen, oder besser, diejenigen mit denen ich arbeiten darf, sorgen dafür. Ich glaube übrigens, dass genau das der Sinn von Arbeit sein sollte, letztendlich Zufriedenheit zu stiften. Nicht in jeder Sekunde und jeder Minute des Arbeitens, aber nach einiger Anstrengung und ein wenig Engagement sollte es Phasen der Zufriedenheit geben.

Aber das ist noch nicht das Glücksgefühl welches sich an diesem Morgen bei  mir einstellte. Nachdem ich zu einer anderen Dienststelle fahren musste, durchradelte ich einen Wald. Wald – für mich ist das Wohlbefinden, Ausgleich, Leben und Duft. Leider vergesse ich dies viel zu oft. Mein Gehirn konstruiert Wald oft nur als unebene, durchwurzelte Schotterwege, die das Radfahren sehr anstrengend machen und eine nichtlineare, deutlich längere Verbindung von zwei Punkten darstellt als eine asphaltierte Straße. An diesem Morgen musste ich wieder durch den Wald fahren und ein umgefallener Baum zwang mich zum Absteigen.

Beim Absteigen spürte ich den durchnässten schlammigen Boden unter meinen Füßen. Ich musste den Weg verlassen und schob mein Rad vorbei an Buschwindröschen, Aronstab und Lungenkraut. Ich versuchte ihnen auszuweichen und dabei entdeckte ich noch viele Pflanzenarten mehr. Ich kam wieder auf diesen verschlammten, nassen, langsamen Waldweg und anstatt wieder aufzusteigen, schob ich mein Gefährt. Da entdeckte ich einen Buntspecht an einem viel zu dünnen Spitzahorn, hörte den Buchfink singen und sah im Augenwinkel eine Maus in ihr Loch flüchten. Plötzlich roch ich Wald, Flieder, Regen, nasse Erde. Der Boden fühlte sich weich an. Ich schien fast zu schweben und nur das „Plitschplatsch“ meiner Schuhe erinnerte mich daran, dass ich gerade laufe. Die Sonne schaffte es nur hier und da durch das immer dichter werdende Blätterwerk der Bäume zu scheinen. Und da war es, nein da ist es, dieses Glücksgefühl, überall nur Wald, mit allen Sinnen nur Wald wahrzunehmen. Ich rieche, atme tief, tiefer. Der Geruch erinnert mich und ich kann nicht sagen woran. Aber es fühlt sich unheimlich gut an, ich will mehr von diesem Moment. Vielleicht erinnert es mich an vergangenes Glückserleben in einer ähnlichen Situation. Nach einigen Sekunden sind die Hormone, die diese Emotionen verursacht haben aufgebraucht und dennoch bleibt in den nächsten Minuten, ja vielleicht sogar Stunden eine erhöhte Lebenszufriedenheit.

Ich denke mir dann immer, wenn dieses Gefühl so schön ist, warum sorgst du nicht öfter dafür, dass ich es erleben darf. Es kostet nichts. Eigentlich muss ich nur meine Sinne sensibilisieren und zulassen, dass deren Informationen in mein Bewusstsein dringen. Heute hat mir der umgefallene Baum dieses Glücksgefühl beschert. Dieser hat letztlich meine Reisegeschwindigkeit reduziert und meinem Gehirn die Möglichkeit gegeben all diese Sinneseindrücke zu verarbeiten. Entschleunigung ist des Rätsels Geheimnis.

Vielleicht wäre das Gefühl ja gar nicht so besonders, wenn ich öfter in dessen Genuss käme. Vermutlich ist es genau dieser Kontrast, der für eine erhöhte Sensibilität notwendig ist. Wenn man viel gearbeitet hat, dann ist die darauf folgende Erholung auch viel intensiver. Und wenn ich lange nichts gegessen habe, schmeckt es anschließend auch besser.

Das Wichtigste ist nur, den umgefallenen Baum nicht eilig und überhastet zu überspringen, sondern ihn entspannt zu umgehen.

Ein Anfang ist immer aufregend

Dir Verfallen


Ein einz’ger Blick von Dir genügt,

um Dir zu verfallen,

mein Geist alsbald besiegt,

lässt mein Herz erhallen.

Mut braucht,

der sich fallen lässt,

wenn nichts auf dieser Welt ihn schützt,

er selbst er sein darf,

ganz und gar keine Acht,

auf Makel, Scham und Pracht,

und doch in dieser Leere,

eine ungeheure Macht gebäre,

ob der schrecklichen Gefahren,

ich in deinen Armen,

dieses einzigartige Gefühl,

dass ich nur hier bei Dir spür.

Und größer noch als dies Gefühl,

ist, wenn du Schatz mich anschaust,

und ich spür,

dass auch du dich fallen lässt,

in meine Arme, in mein Herz,

und ich vor lauter Glück dich halte fest,

lass nie mehr los – mein ganzen Lebensrest.